Der großflächige Stromausfall in Berlin war kein Betriebsunfall. Er war ein Realtest – und Deutschland ist durchgefallen. Nicht, weil der Strom weg war. Sondern weil das, was danach kommen muss, vielfach nicht funktioniert: die Notstromversorgung. Die Zahlen aus dem TÜV-Verband-Baurechtsreport 2025 sind alarmierend. Fast jede dritte Notstromanlage weist gravierende Mängel auf, weitere 45 Prozent zumindest relevante Defizite. Nur jede vierte Anlage ist mängelfrei. Das betrifft ausgerechnet Orte, an denen ein Ausfall keine Unannehmlichkeit ist, sondern ein Risiko für Leib und Leben: Krankenhäuser, Pflegeheime, Schulen, Kitas, Hochhäuser, Einkaufszentren, Versammlungsstätten.
Notstrom ist kein Nice-to-have, sondern Pflicht
Notstromaggregate sollen anspringen, wenn alles andere versagt. Tun sie das nicht, stehen Aufzüge still, Brandmeldeanlagen fallen aus, Intensivstationen geraten unter Druck. Wer angesichts dieser Realität noch von „Einzelfällen“ spricht, verkennt das Ausmaß des Problems. Das ist kein technisches Versagen – das ist organisatorisches und politisches Versagen.
Dass Generatoren nicht starten, Batterien defekt sind oder Kraftstoff veraltet ist, hat nichts mit Komplexität zu tun. Es ist das Ergebnis von mangelnder Wartung, fehlender Kontrolle und jahrelanger Prioritätenverschiebung. Notstrom existiert auf dem Papier – aber nicht zuverlässig in der Praxis.
Resilienz endet nicht am Aggregat
Besonders entlarvend ist ein anderer Befund: Viele Anlagen sind nur für 12 bis 24 Stunden ausgelegt. Danach beginnt das Prinzip Hoffnung. Hoffnung, dass der Strom wiederkommt. Hoffnung, dass Kraftstoff geliefert werden kann. Hoffnung, dass Kommunikation und Logistik noch funktionieren. Hoffnung ist aber kein Sicherheitskonzept.
Resilienz bedeutet mehr als Technik im Keller. Sie umfasst Versorgungsketten, Personal, klare Zuständigkeiten und realistische Szenarien. Was passiert nach 24 Stunden? Nach 48? Wer beliefert wen – bei blockierten Straßen und ausgefallenen Netzen? Diese Fragen werden zu selten gestellt, noch seltener geübt.
Kontrollen gibt es – Konsequenzen zu selten
Wiederkehrende Prüfungen existieren. Die Mängel sind bekannt. Was fehlt, ist die konsequente Umsetzung der Ergebnisse. Wenn sicherheitsrelevante Defizite festgestellt werden, darf das keine Randnotiz im Prüfbericht bleiben. Es braucht verbindliche Fristen, Nachweispflichten und spürbare Sanktionen. Alles andere ist Sicherheitsfolklore.
Der Berliner Stromausfall war kein Ausreißer, sondern ein Vorbote. Wer kritische Infrastruktur ernst nimmt, muss investieren, prüfen, nachrüsten – und zwar vor der nächsten Krise. Resilienz beginnt nicht im Ausnahmezustand. Sie entscheidet sich im Alltag.


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