Das Apothekensterben in Deutschland ist kein schleichender Prozess mehr, sondern ein strukturelles Versagen mit Ansage. Jahr für Jahr verschwinden Betriebe aus der Fläche, Jahr für Jahr wird die Versorgung dünner – und trotzdem bleibt die politische Reaktion erstaunlich folgenlos. Was hier kollabiert, ist ein zentraler Teil der Daseinsvorsorge.
Wer heute über geschlossene Apotheken spricht, spricht nicht über Geschäftsmodelle, sondern über reale Wege, reale Menschen und reale Versorgungslücken. Gerade in ländlichen Regionen und in Stadtteilen mit älterer Bevölkerung bedeutet jede Schließung: längere Wege, höhere Hürden, weniger persönliche Beratung. Botendienste können manches abfedern, aber sie ersetzen keine wohnortnahe Apotheke mit persönlichem Kontakt, spontaner Beratung und schneller Verfügbarkeit.
Ein System auf Verschleiß gefahren
Dass immer mehr Apotheken aufgeben, ist kein Zufall. Es ist die logische Folge eines Vergütungssystems, das seit Jahren nicht mit der Realität Schritt hält. Steigende Kosten, stagnierende Honorare, wachsende Bürokratie – diese Mischung ist toxisch. Wer unter diesen Bedingungen wirtschaftlich arbeiten soll, braucht entweder Rücklagen oder Idealismus. Beides ist endlich.
Besonders problematisch ist dabei die politische Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Handeln. Die Lage ist bekannt, die Zahlen liegen seit Jahren auf dem Tisch, und dennoch bleibt die zentrale Stellschraube – die angemessene Honorierung – immer wieder außen vor. Reformen ohne wirtschaftliche Grundlage sind keine Reformen, sondern Verzögerungstaktiken.
Resilienz braucht Infrastruktur, nicht Durchhalteparolen
In Krisenzeiten wird gern von Resilienz gesprochen. Doch Resilienz entsteht nicht durch Appelle, sondern durch funktionierende Strukturen. Eine Arzneimittelversorgung, die auf immer weniger Standorten lastet, ist per Definition fragil. Jede weitere Schließung macht das System störanfälliger – bei Lieferengpässen, Extremwetter, Pandemien oder schlicht im Alltag.
Dass Apotheken nicht nur Ausgabestellen für Medikamente, sondern niedrigschwellige Gesundheitsanlaufstellen sind, wird politisch gerne betont – praktisch aber ignoriert. Wer diese Rolle ernst meint, muss sie auch finanzieren.
Stillstand ist eine Entscheidung
Die Bundesregierung mag sich auf laufende Reformprozesse berufen. Doch Nicht-Handeln ist ebenfalls eine Entscheidung – mit klaren Folgen. Jede nicht gerettete Apotheke ist dauerhaft verloren. Neue entstehen kaum, weil die Rahmenbedingungen abschrecken. Das Netz wird dünner, und niemand kann ernsthaft behaupten, davon überrascht zu sein.
Das Apothekensterben ist hausgemacht. Es spiegelt politische Entscheidungen wider und wird so lange anhalten, wie die Versorgung vor Ort nicht als unverzichtbare Infrastruktur behandelt wird.


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