Wolodymyr Selenskyj: Im Krieg zum Staatsmann geworden

Wolodymyr Selenskyj - Bild: Office of the President of Ukraine
Wolodymyr Selenskyj - Bild: Office of the President of Ukraine

Die Zeiten, in denen Wolodymyr Selenskyj als ehemaliger Komiker belächelt wurde, der eher durch Zufall ins oberste Staatsamt der Ukraine kam, sind schon lange vorbei. Mit den täglichen Videobotschaften aus Kiew, mit denen Selenskyj seiner Bevölkerung Mut zu spricht, beeindruckt der ukrainische Präsident auch westliche Partner. Weltweit hat sich Selenskyj zu einer Freiheitsikone entwickelt. Diese Symbolik weiß der 44-Jährige für sein Land zu nutzen.

Mit ernstem Gesichtsausdruck blickte Selenskyj in die Kamera, als er am Donnerstag per Videoschalte zu den Abgeordneten des deutschen Bundestags sprach. „In Europa wird ein Volk vernichtet“, sagte Selenskyj über den russischen Angriff auf die Ukrainer. Dabei verteidige sein Volk nicht nur sein eigenes Land, sondern auch „die Werte, von denen in Europa so viel gesprochen wird“.

An Deutschland appellierte der Staatschef bei seinem hochsymbolischen Auftritt, eine Führungsrolle beim Schutz der Ukraine zu übernehmen. Dabei verwies er auch auf die historische Verantwortung Deutschlands, die sich aus dem Nationalsozialismus ergebe: Das „Nie wieder“, das deutsche Politiker Jahr für Jahr bekräftigten, sei wertlos, wenn der Ukraine angesichts der russischen Aggression nicht geholfen werde, mahnte Selenskyj.

Selenskyj wirkte hochkonzentriert, doch zeugen die dunklen Schatten um seine Augen und der wachsende Bart von den schlaflosen Nächten, die der ukrainische Präsident in Kiew verbringt. Ein Angebot der USA, ihn aus der ukrainischen Hauptstadt in Sicherheit zu bringen, hatte Selenskyj unmittelbar nach Beginn des russischen Angriffskriegs ausgeschlagen – angeblich mit den Worten: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“

Eloquent war der ehemalige Schauspieler Selenskyj schon immer. Seine Versiertheit vor der Kamera weiß der ukrainische Präsident nun zu nutzen – nach innen genauso wie nach außen. In khakifarbener Kleidung zeigt sich der Staatschef seiner Bevölkerung jeden Tag auf den Straßen Kiews oder im Präsidialpalast – oft an der Seite seiner Regierungsmitglieder. Dass die Kampfmoral der Ukrainer trotz der technischen Überlegenheit der russischen Armee auch noch nach drei Wochen Krieg so hoch ist, hat aus Sicht von Experten auch mit diesen Videobotschaften des Präsidenten zu tun.

Für Eindruck sorgen die virtuellen Auftritte Selenskyjs aber auch im Ausland. Mit stehendem Applaus wurde der per Video zugeschaltete ukrainische Staatschef am Mittwoch bereits von den Abgeordneten des US-Kongresses begrüßt. Am Donnerstag bedachten auch die Bundestagsabgeordneten Selenskyj mit langanhaltendem Beifall.

An den staatsmännischen Fähigkeiten Selenskyjs hatte es bis zur russischen Invasion in der Ukraine nicht nur im Ausland Zweifel gegeben – auch viele Ukrainer blickten lange eher mit Argwohn auf den früheren Komiker an der Staatsspitze. Denn Selenskyjs politische Laufbahn hatte eher skurril begonnen: Bis zu seiner Wahl zum Präsidenten 2019 hatte der Komiker und Schauspieler keinerlei politische Erfahrung. Sein Weg ins Präsidentenamt ähnelte dem Drehbuch seiner populären Fernsehserie „Diener des Volkes“.

In der Serie spielte er einen Geschichtslehrer, der zum Präsidenten gewählt wird, nachdem sich ein Video, in dem er gegen die Korruption im Lande wettert, im Internet rasant verbreitete. Auch im echten Leben verdankte Selenskyj seine Beliebtheit seinem erfolgreichen Auftritt im Internet. Die weit verbreitete Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf ihm zum Wahlsieg.

Doch vom Witze-Reißen zum Führen eines Landes ist es ein großer Schritt. Einige Ukrainer befürchteten deshalb nach dem Amtsantritt des aus einer russischsprachigen, jüdischen Familie stammenden Schauspielers das Schlimmste.

Inzwischen hat sich das Bild des Präsidenten völlig gewandelt. Selenskyj hat sich zur modernen Heldenfigur entwickelt, die dem Widerstand der Ukraine gegen die russischen Angreifer ein Gesicht gibt.

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