Der vermeintlich unpolitische ESC musste schon oft mit dem Thema Krieg umgehen

Eurovision Song Contest - Bild: ATELIERMONTINARO
Eurovision Song Contest - Bild: ATELIERMONTINARO

Neutral und unpolitisch möchte der Eurovision Song Contest (ESC) nach seinem Regelwerk sein. So spielte auch der Angriff Russlands auf die Ukraine im ersten Halbfinale am Dienstagabend keine besondere Rolle. Allein die ukrainischen Starter dankten für die Unterstützung ihres Landes. Die Vergangenheit zeigt, dass sich das Musikereignis aber nie ganz von der allgemeinen Lage abkoppeln konnte.

Der ZYPERNKONFLIKT führte 1975 zum Boykott Griechenlands des ESC-Finales in Stockholm. Im Jahr davor hatte es blutige Auseinandersetzungen auf der Insel gegeben, an denen auf der einen Seite Griechenland und auf der anderen Seite die Türkei beteiligt waren. Als 1975 die Türkei erstmals am ESC teilnahm, boykottierte Griechenland deshalb den Wettbewerb.

ISRAEL war dreimal als Vorjahressieger ESC-Gastgeber und sorgte zweimal für Kontroversen im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. 1979 machten arabische Staaten so lange Druck auf die Türkei, bis diese ihre eigentlich zugesagte Teilnahme am ESC-Finale wieder absagte. Vor dem ESC 2019 in Israel gab es einen von bekannten Künstlern betriebenen Boykottaufruf wegen des Vorwurfs der Menschenrechtsverletzungen Israels an den Palästinensern.

Im Zuge der BALKAN-Kriege ging die Europäische Rundfunkunion EBU vor allem gegen Serbien und dessen damaligen Präsidenten Slobodan Milosevic vor. Die EBU schloss die von Milosevic als Nachfolgestaat Jugoslawiens gegründete Bundesrepublik Jugoslawien aus, von 1993 bis 2003 durfte diese nicht teilnehmen. 1999, als die Balkan-Kriege endeten, sangen alle Teilnehmer zusammen mit dem Publikum für die Opfer des Kriegs am Ende des ESC-Finales den israelischen Siegertitel von 1979, „Hallelujah“.

RUSSLAND sorgte wiederholt für Auseinandersetzungen. Moskau war 2009 Gastgeber, ein Jahr nach dem Krieg mit Georgien. Georgien, das den damaligen Ministerpräsidenten Wladimir Putin für den Krieg verantwortlich machte, wollte mit dem Anti-Putin-Song „We Don’t Wanna Put In“ antreten. Die EBU untersagte das Lied, Georgien verzichtete auf eine Teilnahme. 2014, nach der russischen Annexion der Krim, pfiff das Publikum beim ESC in Kopenhagen die russischen Tolmachevy Sisters bei jeder Gelegenheit aus. In diesem Jahr wurde Russland vom Wettbewerb wegen des Kriegs in der Ukraine ausgeschlossen.

In der UKRAINE wiederum wird der ESC eng mit der Demokratiebewegung im Land verbunden. 2004 gewann Ruslana mit ihren „Wild Dances“ den Wettbewerb, was der spätere Präsident Wiktor Juschtschenko als Antrieb für den Umbruch bezeichnete. Es folgte die orange Revolution, in deren Folge Juschtschenko Präsident wurde. 2005 schickte die Ukraine den bei den Demonstrationen zum Hit gewordenen Protestsong „Zusammen sind wir viele“ in den Wettbewerb. Der Text war der EBU zwar zu politisch und musste umgeschrieben werden, aber die Verbindung zur Revolution blieb.

2016 schließlich bewegte sich die Ukraine erneut am Rande des Regelwerks: Das Siegerlied „1944“ von Jamala behandelte die Deportation der Krimtataren durch den sowjetischen Diktator Josef Stalin – kurz nach der Annexion der Krim durch Russland ein natürlich eindeutig als politisch zu verstehendes Lied. Die EBU ließ „1944“ aber trotz starker Proteste aus Russland zu.

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