Sieben Jahrzehnte Eurovision Song Contest bedeuten sieben Jahrzehnte unvergesslicher Momente – musikalische Triumphe, politische Statements, kulturelle Zäsuren. Zum 70. Jubiläum in Wien ein Blick zurück auf die Szenen, die den Wettbewerb für immer geprägt haben.
1 | 1974: ABBA gewinnen mit „Waterloo“ – und die Welt dreht sich
Brighton, 6. April 1974. Als ABBA die Bühne des Grand Prix Eurovision de la Chanson betreten und „Waterloo“ schmettern, prägen sie die Popwelt damit für immer. Das Quartett gewann den Eurovision mit 24 Punkten – zweiter Platz hatte nur 18. Was folgte, ist Musikgeschichte: „Waterloo“ war der erste von ABBAs neun britischen Nummer-eins-Hits und stieg in den Charts von Belgien, Dänemark, Finnland, West-Deutschland, Irland, Norwegen, Südafrika und der Schweiz auf Platz eins. In einem Branchenumfrage 2005 wurde der Song zum besten ESC-Song aller Zeiten gewählt. Kein anderer Moment in der ESC-Geschichte hat die Welt so nachhaltig verändert.
2 | 1982: Nicole und „Ein bisschen Frieden“ – Deutschlands größter Moment
Harrogate, 24. April 1982. Eine 17-jährige Gymnasiastin aus Saarbrücken sitzt auf einem Hocker, begleitet sich auf einer weißen Gitarre – und gewinnt haushoch. „Ein bisschen Frieden“ erhielt mit Ausnahme von Luxemburg aus jedem Land Punkte; neun Länder gaben dem deutschen Beitrag die Höchstwertung. Mit insgesamt 161 Punkten und einem Vorsprung von 61 Punkten auf den Zweitplatzierten setzte Nicole einen damals einmaligen Rekord. Hintergrund des Liedes: der sich im März 1982 abzeichnende Falklandkrieg und die laufende Nachrüstungsdebatte in Europa. Die Single verkaufte sich weltweit über fünf Millionen Mal.
3 | 1988: Céline Dion singt für die Schweiz – und niemand vergisst es
Dublin, 30. April 1988. Eine weitgehend unbekannte kanadische Sängerin tritt für die Schweiz an – mit „Ne partez pas sans moi“. Céline Dion gewinnt. Der Sieg beim ESC ist der internationale Durchbruch für eine der erfolgreichsten Karrieren der Musikgeschichte. Was danach kam, ist bekannt. Was weniger bekannt ist: Dion hatte nur wenige Monate Zeit, genug Französisch zu lernen, um den Auftritt zu meistern. Der ESC als Karrierekatapult – eindrucksvoller hat es seither kaum jemand demonstriert.
4 | 1998: Dana International gewinnt für Israel – ein historisches Signal
Birmingham, 9. Mai 1998. Dana International, eine Transfrau, holte mit „Diva“ den Sieg für Israel. Es war mehr als ein Musiksieg: Zum ersten Mal gewann eine Transfrau den größten Musikwettbewerb der Welt. Der ESC hatte sich damit endgültig als Plattform für Diversität und Offenheit positioniert – lange bevor diese Begriffe im Mainstream angekommen waren. In Israel wurde der Sieg mit massiven Feierlichkeiten begangen, in anderen Ländern löste er heftige Debatten aus. Beides zeigte, wie groß die kulturelle Wirkung eines einzelnen ESC-Moments sein kann.
5 | 2003: „Every Way That I Can“ – und die Türkei erlebt sein ESC-Wunder
Riga, 24. Mai 2003. Sertab Erener tritt für die Türkei an und gewinnt mit 167 Punkten überlegen. Es ist der erste und bis heute einzige ESC-Sieg der Türkei. Das Land hatte seit Jahren konsequent investiert – in moderne Produktionen, internationale Kollaborationen, zeitgemäße Musik. 2003 zahlte sich das aus. Istanbul wurde 2004 Gastgeber, die Türkei erlebte ihren kulturellen ESC-Höhepunkt. Wenige Jahre später zog sich das Land aus dem Wettbewerb zurück – der Sieg von 2003 blieb der Abschluss einer Ära.
6 | 2006: Lordi rocken Athen – und schocken Europa
Athen, 20. Mai 2006. Die finnische Hard-Rock-Band Lordi triumphierte mit „Hard Rock Hallelujah“. Monster-Kostüme, Pyrotechnik, Gitarrenriffs – auf einer ESC-Bühne, die bis dahin auf Schlager, Pop und Balladen konditioniert war. Finnland hatte seit 1961 an jedem ESC teilgenommen, ohne jemals zu gewinnen. Lordi änderten das in einer Nacht. Bis heute gilt der Auftritt als einer der kuriosesten Siege der Wettbewerbsgeschichte – und als Beweis, dass beim ESC buchstäblich alles möglich ist.
7 | 2012: Loreen mit „Euphoria“ – der perfekte ESC-Song
Baku, 26. Mai 2012. Loreen betritt die Bühne und performt „Euphoria“ – einen Song, der in den folgenden Wochen in 18 Ländern auf Platz eins der Charts klettert. Das ESC-Ergebnis ist eindeutig: Schweden gewinnt mit 372 Punkten, einem der höchsten Ergebnisse in der Geschichte des damaligen Abstimmungssystems. „Euphoria“ gilt bis heute vielen als der beste ESC-Song seit „Waterloo“ – und Loreen als die stärkste ESC-Performerin ihrer Generation. 2023 gewann sie ein zweites Mal.
8 | 2014: Conchita Wurst singt „Rise Like a Phoenix“ – und Wien hört zu
Kopenhagen, 10. Mai 2014. Tom Neuwirth holte als bärtige Dragqueen Conchita Wurst für Österreich den Sieg. Die Reaktionen waren gespalten: Standing Ovations in der Halle, Empörung in einigen osteuropäischen Ländern, Begeisterung in westeuropäischen Medien. Conchita Wurst wurde über Nacht zum globalen Symbol für Toleranz und Selbstbestimmung. Und Wien? Bekam den ESC 2015 – und stellte gleichgeschlechtliche Ampelpaare auf, die bis heute stehen.
9 | 2016: Jamala und „1944″ – Musik als politisches Statement
Stockholm, 14. Mai 2016. Die ukrainische Sängerin Jamala tritt mit „1944″ an – einem Song über die Deportation der Krimtataren durch Stalin. Der Text ist eindeutig politisch, der Kontext angesichts der russischen Annexion der Krim 2014 unübersehbar. Und trotzdem – oder genau deshalb – gewinnt Jamala. Der Sieg löste eine Debatte über die Grenzen des unpolitischen ESC-Grundsatzes aus, die bis heute anhält. Selten hat ein ESC-Song so klar den Zeitgeist eingefangen.
10 | 2021: Måneskin und „Zitti e Buoni“ – der ESC entdeckt den Rock
Rotterdam, 22. Mai 2021. Måneskin aus Italien wurde als Sieger des 65. Eurovision Song Contests mit dem Song „Zitti e Buoni“ gekrönt – Italiens dritter ESC-Sieg, der erste seit 31 Jahren. Was folgte, war beispiellos: Nach dem Sieg beim ESC stieg der Song auf Platz neun der weltweiten Spotify-Charts – das erste Mal, dass eine italienische Single in die weltweiten Top Ten kam. Måneskin eröffneten Monate später ein Konzert der Rolling Stones in Las Vegas. Der ESC hatte eine Rockband in die erste Liga der Weltmusik katapultiert. Und bewies damit einmal mehr: Er ist mehr als ein Wettbewerb.


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