Können Selbsttests an Schulen für eine überhöhte „Dauerinzidenz“ sorgen?

Schnelltest
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Tausende User auf Facebook und Zehntausende auf Telegram haben eine Musterrechnung zu Schnelltests an Schulen geteilt. Demnach würde bereits täglich ein positiver Test pro Schule für 150.000 Neufälle jede Woche sorgen. Diese Rechnung hat aber nichts mit der Realität zu tun, wie die Bildungsgewerkschaft (GEW), die Kultusministerkonferenz (KMK) sowie der Allgemeine Schulleitungsverband Deutschlands (ASD) gegenüber AFP bestätigten.

Es klingt nach einer Textaufgabe für den Mathe-Unterricht in der Unterstufe. Rund 1900 User haben folgende Rechnung auf Facebook geteilt (hier), über 50.000 sahen sie auf Telegram. Darin heißt es: „Wir haben in Deutschland rund 32.000 Schulen. Wenn wir mit Selbsttests pro Tag und Schule nur einen einzigen Testpostiven finden, was sehr wahrscheinlich ist, haben wir 150.000 Neufälle pro Woche allein aus diesen Einrichtungen.“ Und weiter: „Wir machen das alles selbst – freiwillig. Wir gehen denen auf den Leim und machen uns eine Dauerinzidenz, mit der sie uns vor sich hertreiben. Wir sind einfach blöd.“

Facebook-Screenshot: 12.04.2021

Behauptungen über Antigen-Tests und ihre Auswirkungen verbreiten sich erneut kurz vor neuen Regelungen zu einer bundesweit einheitlich geplanten Corona-Notbremse. Laut einer geplanten Änderung des Infektionsschutzgesetzes soll der Bund bei hohen Infektionszahlen mehr Kompetenzen bekommen. Vorgesehen sind auch einheitliche Maßnahmen an deutschen Kitas und Schulen: Diese können bei hohen Infektionszahlen geschlossen werden. Darüber hinaus sollen Selbsttests der Schülerinnen und Schüler mehr Präsenzunterricht ermöglichen: Dieser ist demnach zulässig, wenn ein nicht länger als 36 Stunden zurückliegender negativer Corona-Test vorliegt. (hier gibt es mehr Informationen). Aber führen solche Tests zu hohen Corona-Inzidenzen, wie es die aktuell verbreitete Rechnung suggeriert?

AFP hat die Textaufgabe einmal nachgerechnet:  Würde man fünfmal pro Woche an 32.000 Schulen einen positiven Fall finden, also 5 mal 32.000, würde man auf 160.000 Corona-Fälle kommen, also sogar 10.000 Fälle mehr als im Posting behauptet. Aber Expertinnen und Experten halten diese Rechnung für gänzlich unrealistisch. Außerdem suggeriert das Posting, dass  die Entdeckung von neuen Coronafällen an Schulen zu einer „Dauerinzidenz“ führe. Wären tatsächlich wöchentlich 150.000 Schulkinder neu infiziert, wären die Testungen wichtig, um die so entstehende Inzidenz wieder umzukehren.

AFP hat dazu zunächst bei der Bildungsgewerkschaft (GEW) nachgefragt, die zuvor die Testpflicht an deutschen Schulen bundesweit kritisiert hatte (hierhierhier), weil Lehrerinnen und Lehrer bei der neuen Strategie nicht genug berücksichtigt würden. Sprecher Ulf Rödde erklärte in einem Telefonat am 9. April: „Nicht nur, dass die Stellzahlen für diese Rechnung falsch sind, sie ist völlig aus der Luft gegriffen.“ Es sei „völlig unrealistisch“, von fünf Tests pro Woche pro deutscher Schule zu sprechen, auch gebe es rund 40.000 Schulen in Deutschland und nicht nur 32.000. (Letztere Zahl bezieht sich nur auf allgemeinbildende Schulen und zählt nicht die Berufsschulen.)

Rödde sagte außerdem: „Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat das Ziel ausgegeben, zweimal die Woche an Schulen zu testen und auch das ist nur eine ‘Soll’-Vorschrift.“ Vielerorts werde noch gar nicht getestet, auch sei nicht einmal klar, wie eine Testung zweimal in der Woche überhaupt gestemmt werden könne und wo die Millionen an notwendigen Tests überhaupt herkommen sollten, sagte Rödde. Es werde daher demnächst nicht zu dem „Wenn wir das machen“-Szenario dieser Rechnung kommen. Außerdem sei der Begriff „Dauerinzidenz“ durch Tests an Schulen irritierend, denn „selbst wenn so viele Schülerinnen und Schüler infiziert sind, würden wir sie dadurch ja aus der Schule rausnehmen können und somit die Inzidenz nach einem kurzfristigen Anstieg eben wieder senken und nicht hoch halten.“

AFP hat auch bei der Kultusministerkonferenz (KMK) nach der Musterrechnung aus dem Posting gefragt. Dabei handelt es sich um einen freiwilligen Zusammenschluss der für Bildung und Forschung sowie kulturelle Angelegenheiten zuständigen Minister*innen der Länder. Sprecher Andreas Schmitz schrieb in einer E-Mail am 12. April: „Von niemandem wird eine fünfmalige Testung pro Woche erwogen.“ In einem KMK-Beschluss vom 8. April heißt es dazu: Die Testmöglichkeiten „sollen so ausgebaut werden, dass allen Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrkräften und sonstigen an Schule Beschäftigten zweimal wöchentlich die Möglichkeit für einen Selbsttest angeboten werden kann.“ Sprecher Schmitz fügte mit Blick auf die Testmöglichkeiten an deutschen Schulen hinzu: „Die Annahme ‚ein Fall pro Schule pro Tag‘ ist ein derart homogen verteiltes Konstrukt, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.“

Am 13. April sprach AFP auch mit Gudrun Wolters-Vogeler, sie ist Schulleiterin und Vorsitzende des Allgemeinen Schulleitungsverbands Deutschland (ASD), der Direktorinnen und Direktoren in Deutschland vertritt. Sie sagte in einem Telefonat: „Man kann zu einem jetzigen Zeitpunkt noch überhaupt nicht sagen, ob und wie die Schulen es in den verschiedenen Bundesländern schaffen werden zu testen. Die Zahl Fünf pro Woche ist aber völlig unrealistisch.“ Aber selbst wenn man auf solche hohe Zahlen kommen würde, sei die Logik der Rechnung lückenhaft: „Wenn man einen Fall durch Testung findet, hat das ja eine Quarantäne zur Folge. Die Inzidenz fällt so wieder, weil es keine Ansteckungen mehr gibt“, erklärte die Schulleiterin. „Die hier erwähnte angebliche Dauerinzidenz soll somit eben verhindert werden.“

Fazit: Es gibt und wird auch in absehbarer Zeit keine Schulen in Deutschland geben, die fünfmal in der Woche Schnelltests durchführen. Auch die „Dauerinzidenz“-Aussage ergibt für Expertinnen und Experten aus dem Bildungsbereich keinen Sinn. Jeder gefundene und isolierte Fall senke das Risiko einer Ansteckung und verhindere den weiteren Anstieg der Inzidenz der Ansteckungen und damit auch eine Dauerinzidenz.    

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