David Sassoli: Ein „Kämpfer für Europa“ ist tot

Olaf Kosinsky, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons
Olaf Kosinsky, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Er sei ein „herausragender“ Politiker und „Verfechter eines sozialen Europas“ gewesen: Mit Erschütterung haben am Dienstag Politiker aller Lager auf den Tod des in der Nacht gestorbenen Europaparlaments-Präsidenten David Sassoli reagiert. Vielfach wurde die Menschlichkeit des Italieners gewürdigt. So hatte der Italiener etwa in der Corona-Pandemie Teile der verwaisten Räumlichkeiten des EU-Parlaments zur Verfügung gestellt, um dort Mahlzeiten für bedürftige Familien zuzubereiten und ein Corona-Testzentrum einzurichten.

„David Sassoli war ein leidenschaftlicher Journalist, ein herausragender Präsident des Europäischen Parlaments und vor allem ein guter Freund“, schrieb EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf Twitter. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zeigte sich bestürzt über Sassolis Tod. „Europa verliert einen engagierten Parlamentspräsidenten, Italien einen klugen Politiker und Deutschland einen guten Freund“, erklärte er.

Sassoli habe „das Europäische Parlament, gerade in diesen schwierigen Pandemiezeiten, mit sicherer Hand umsichtig und konstruktiv geführt“, erklärte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Er sei „ein überzeugter und überzeugender Anwalt der europäischen Integration“ und „ein Verfechter eines sozialen Europas“ gewesen.

Der italienische Regierungschef Mario Draghi bezeichnete seinen Landsmann als „Symbol für Ausgewogenheit, Menschlichkeit und Großzügigkeit“. Ein demokratischeres und gerechteres Europa hatte sich Sassoli auf die Fahnen geschrieben: Zuletzt setzte er sich auf dem EU-Gipfel Mitte Dezember für das Ende der strengen Schuldenvorgaben ein, um Investitionen in Zukunftsprojekte zu ermöglichen. Europa dürfe „nicht länger Geisel der Drei-Prozent-Defizitregel sein“, appellierte der Italiener unter anderem an den neuen Bundeskanzler Scholz.

Auch beim Thema Menschenrechte scheute Sassoli keine Konflikte: Zehn Tage vor Weihnachten zeichnete er den in Russland inhaftierten Kreml-Kritiker Alexej Nawalny mit dem Sacharow-Preis des Europaparlaments aus. Im erbitterten Rechtsstaats-Streit mit Polen verklagte das EU-Parlament unter Sassoli zudem von der Leyens Kommission, um sie zum „Handeln“ gegen Warschau zu zwingen.

Wegen schwerer Gesundheitsprobleme hatte der leidenschaftliche Raucher zuletzt auf eine Verlängerung seiner zweieinhalbjährigen Amtszeit verzichtet. Bereits kommende Woche soll voraussichtlich eine Vizepräsidentin des EU-Parlaments, die Konservative Roberta Metsola aus Malta, zu seiner Nachfolgerin gewählt werden.

An seinen EU-Spitzenjob war Sassoli unverhofft gekommen: In einem Personalpoker mit vielen Finten und Wendungen 2019 stellte seine sozialdemokratische Fraktion im Europaparlament den Italiener überraschend auf – und durchkreuzte damit die Pläne der Staats- und Regierungschefs, einen bulgarischen Kandidaten ins Rennen zu schicken.

Mit dem Italiener vom sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) war das Kräfteverhältnis in den EU-Institutionen wieder ausgeglichen: Sassoli arbeitete eng mit der konservativen Politikerin von der Leyen an der Spitze der mächtigen EU-Kommission zusammen sowie mit dem Belgier Charles Michel von den Liberalen als EU-Ratspräsident.

Sassoli gehörte dem Europaparlament bereits seit 2009 an. Seit 2014 war er einer der 14 Vize-Präsidenten der EU-Volksvertretung und zuständig für den Haushalt und die Mittelmeer-Politik. 2013 versuchte er erfolglos den Sprung in die italienische Politik.

Sassoli wurde am 30. Mai 1956 in Florenz in der Toskana geboren. Nach dem Politik-Studium arbeitete er als Journalist für Zeitungen und Nachrichtenagenturen und später für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Er entwickelte sich schnell zum vertrauten Gesicht für Millionen Italiener, als er die Abendnachrichten im Sender Rai Uno präsentierte – als eine Art italienischer „Mister Tagesschau“.

Eines von Sassolis Vorbildern war EU-Gründervater Jean Monnet. Ihn zitierte der Italiener einmal mit den Worten: „Nichts ist ohne Menschen möglich, nichts ist dauerhaft ohne Institutionen.“

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