Faktencheck: Nein, dieses Video zeigt keine von Medien inszenierte Massenpanik in der Ukraine

Hunderte Facebook-User haben Ende Februar ein Video geteilt, das den Eindruck erweckt, westliche Medien hätten in der Ukraine eine Massenpanik inszeniert. Die Behauptung ist falsch. Das Video entstand 2013 während der Dreharbeiten für einen Science-Fiction-Film in Birmingham in England.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben auf Facebook einen Beitrag geteilt, in dem behauptet wird, westliche Medien hätten in der Ukraine eine Massenpanik für Fernsehkameras inszeniert. Ein ähnlicher Beitrag auf Serbisch wurde tausendfach geteilt, ein entsprechender Post auf Dänisch wurde über 45.000 Mal geteilt. AFP hat die Behauptung zuerst hier widerlegt.

Die Behauptung

Im Beitragstext zu dem Video heißt es: „Ja es gibt Krieg aber nicht alles so wie sie in den Medien zeigen.“ In einem anderen Posting heißt es: „So wird also die Panik der Menschen in der Ukraine gefilmt und von den Medien ausgestrahlt.“ Auch in den Kommentaren kritisieren zahlreiche User die vermeintlich gefälschte Berichterstattung und „Propaganda“.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 01.03.2022

Zum Ukraine-Konflikt kursieren derzeit zahlreiche Videos und Bilder in sozialen Netzwerken, die manipuliert oder aus dem Kontext gerissen wurden. AFP widerlegte etwa bereits ein Video von angeblichen russischen Militärflugzeugen über der Ukraine, das Bild eines vermeintlichen Luftangriffs auf Kiew oder die veralteten Aufnahmen russischer Fallschirmspringer.

Am Morgen des 24. Februar 2022 marschierten russische Truppen in die Ukraine ein. Am 25. Februar meldete die ukrainische Armee nördlich und östlich von Kiew Kämpfe gegen vordringende russische Einheiten. Die ukrainische Hauptstadt ist seitdem schwer umkämpft. Bei den Gefechten wurden auch Wohngebiete beschossen. Hunderte Zivilistinnen und Zivilisten starben, Hunderttausende sind auf der Flucht.

Video von Dreharbeiten

Das Video zeigt einen von Gebäuden umringten Platz. Im Vordergrund sind drei Männer zu sehen, die um eine Filmkamera stehen. Einer der drei hält ein Megaphon in der Hand, ein zweiter eine Klappe, wie sie bei Dreharbeiten verwendet wird. Im Hintergrund, am anderen Ende des Platzes, ist eine größere Menschengruppe zu erkennen. Der Mann mit der Klappe hält diese in die Kamera, sein Kollege mit dem Megaphon ruft an die Menge gewandt „Action“. Daraufhin laufen die Menschen im Hintergrund laut schreiend in Richtung des Filmteams.

Das Video zeigt allerdings keine Inszenierung einer Massenpanik. Es wurde nicht während des aktuellen Ukraine-Kriegs aufgenommen, sondern entstand 2013 bei Dreharbeiten zu einem Science-Fiction-Film in England. AFP fand zudem keine Hinweise darauf, dass Medien Teile des aktuell verbreiteten Videos für ihre Berichterstattung zum Krieg in der Ukraine verwendet hätten.

Eine Google-Bildersuche mit Einzelbildern des Clips führte zu einem Video, das am 8. April 2013 unter dem Titel „Kaleidoscope Man run for your life Birmingham“ auf Youtube veröffentlicht wurde. In der Videobeschreibung heißt es: „Dreh einer Szene mit rennender Menge im Stadtzentrum von Birmingham für den Sci-Fi-Film Kaleidoscope Man mit Regisseur Simon Cox.“

In dem Beschreibungstext des Videos findet sich zudem ein Link zum Twitteraccount von Simon Cox. Dort widersprach der Filmemacher selbst bereits den Behauptungen in sozialen Netzwerken, wonach das Video eine von Medien inszenierte Massenpanik in der Ukraine zeige. Cox twitterte am 27. Februar 2022: „Ich habe soeben auf Twitter gesehen, dass ein Clip von den Dreharbeiten meines Films für Desinformation in der Ukraine verwendet wird. Nur um es zu bestätigen: Dieser Clip ist von meinem Independent-Sci-Fi-Film Invasion Planet Earth, der 2016 in Birmingham GB gedreht wurde – er hat nichts mit den Medien zu tun!“

In diesem Tweet verlinkt Cox auch das oben bereits erwähnte Youtube-Video von 2013. Die unterschiedlichen Angaben zum Aufnahmejahr seien ein Fehler gewesen, erklärte Simon Cox am 3. März in einer Mail an AFP: „Der Dreh war tatsächlich 2013.“ Der ursprüngliche Titel des Films sei „Kaleidoscope Man“ gewesen. Aus vertrieblichen Gründen habe Cox seinen Film nach fast zehnjähriger Produktion später in „Invasion Planet Earth“ geändert.

Cox versuchte auch auf Facebook auf den Missbrauch seines Filmmaterials aufmerksam zu machen. Er kommentierte am 28. Februar 2022 eine ähnliche Behauptung auf Dänisch mit dem Hinweis, dass sein Film der Ursprung der Aufnahme sei.

Mit dem Hinweis auf den Ort lässt sich der Platz, auf dem sich das Geschehen in dem Videoclip abspielt, per Google Maps identifizieren. Es handelt sich um den Victoria Square in Birmingham. Das Gebäude mit dem Säulenportal ist der Sitz des Birmingham City Council, des Stadtrats von Birmingham. Auf diesem Screenshot von Google Street View ist das Gebäude aus dem Video deutlich erkennbar.

Laut der offiziellen Website des Films kam „Invasion Planet Earth“ am 5. Dezember 2019 in die britischen Kinos und wurde danach auf verschiedenen Streamingplattformen sowie auf DVD veröffentlicht. In einem Trailer des Films taucht eine Szene auf, die denselben Ort wie das Video aus dem Posting zeigt. Sowohl die Straßenlaternen als auch die Säulen des Gebäudes sind in beiden Aufnahmen identisch.

Screenshot des Facebook-Videos (links) und des Film-Trailers (rechts), aufgenommen: 28.02.2022. Hervorhebungen durch AFP

Fazit

Der Beitrag ist falsch. Tatsächlich entstand das Video 2013 bei den Dreharbeiten zu dem Science-Fiction-Film „Invasion Planet Earth“. Das Originalvideo ist auf Youtube einsehbar und zeigt einen Platz in Birmingham, nicht in der Ukraine. Das bestätigte auch der Filmemacher und Regisseur Simon Cox.

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